Digital Business Platform: Die neue Basis für die Digitalisierung?

19.05.2020

Unternehmen, die Prozesse digitalisieren oder Geschäftsmodelle transformieren, brauchen ein Fundament, auf dem sie dies tun können. Anders gesagt: eine Plattform. In diesem Artikel erklären wir Ihnen, was hinter einer Digital Business Platform steckt, welche Bedeutung sie im Rahmen der Digitalisierung einnimmt und wie sie sich von den klassischen BPM-Plattformen unterscheidet.

Der Begriff Digital Business Platform (DBP) – ursprünglich vom Marktforschungsunternehmen Gartner geprägt – ist seit 2016 zunehmend im Umlauf. Inzwischen verwenden verschiedene Anbieter von klassischen BPM-Plattformen wie AXON Ivy, Bizagi, Software AG oder PNMsoft diesen neueren Fachausdruck für ihre Produkte und Suiten.

Wir stellen uns daher die Frage: Sind beide Konzepte synonym? Oder worin unterscheiden sich Digital Business Platform und BPM-Plattform? Und wie relevant ist der neue Begriff DBP überhaupt in der Praxis?

Digital Business Platform nach Gartner

Für Gartner beinhaltet der Begriff Digital Business Platform prinzipiell alles, was an Technologie nötig ist, damit ein Unternehmen Digital Business betreiben kann.

Gartner teilt diese in fünf Bereiche auf:

 

Digital Business Technology Platform
Quelle: Gartner, Digital Business Technology Platform

 

1. IT Systems – Back-Office-Systeme, ERP und Operations
2. Customers – Systeme mit Kundeninteraktion
3. Intelligence – Unterstützung von Entscheidungen und datengetriebene Geschäftsmodelle
4. Things – Vernetzung und Analyse physischer Assets (IoT)
5. Ecosystems – Integration von Plattformen, Communitys und Marktplätzen

Hinter jedem dieser Bereiche versteht Gartner eine Sammlung von bestimmten Funktionsblöcken. Damit ist nicht ein Software-Produkt oder eine Suite gemeint, denn oft wird eine der genannten Bereiche durch mehrere Software-Systeme abgedeckt.
Eine Schlüsselrolle spielt der Bereich «Ecosystems», welchem Gartner die Verantwortung über die Integration der Systeme zuschreibt.

Evolution der BPM-Plattformen

Das ursprüngliche Ziel von BPM-Plattformen war vor allem die Steuerung von manuellen Prozessschritten. Der Fokus verschob bzw. erweiterte sich in den letzten Jahren immer mehr in die Integration, Orchestrierung und weitgehende Automation von Abläufen in Backend-Softwaresystemen. Dies wurde stark durch die Verbreitung von APIs auf den Backend-Applikationen gefördert. Ein Trend, der dank dem API-First-Paradigma bei neueren Applikationssystemen zum Standard geworden ist.

Im Rahmen dieser Entwicklung hat sich auch der Funktionsumfang der Anbieter von BPM-Plattformen stark erweitert. Bei vielen Anbietern, wie beispielsweise AXON Ivy oder Alfresco, die diesen Begriff für ihre Plattformen verwenden, finden sich viele neue Funktionen, die den ursprünglichen BPM-Engine-Kern der Plattformen um diverse Komponenten zur Applikationsentwicklung erweitern, z. B.:

  • Portale
  • Frameworks zur UI-Erstellung
  • Chat-Komponenten
  • Integration-Frameworks für Webservices

Damit bieten diese Suiten eine Plattform, die alle wesentlichen Funktionen enthält, um Applikationen zur Digitalisierung eines Unternehmens umzusetzen.
Aber wie passen nun BPM Suiten in die Definition von DBP von Gartner?

Das Gartner DBP-Modell und BPM Suiten

Der Begriff DBP von Gartner ist sehr weit gefasst. Er beschreibt eine generische Enterprise-IT-Landschaft mit den für ein digitales Business erforderlichen Funktionalitäten. Er definiert explizit kein kaufbares Software-Produkt, das alle fünf oben genannten Plattformebenen abbildet, was Gartner in einem weiteren Blog bekräftigt.

Insofern entspricht die Verwendung des Begriffs DBP durch BPM-Suite-Hersteller nicht dem ursprünglichen Sinn der Definition von Gartner. Einige der dort beschriebenen Funktionalitätsbereiche wie Information Systems mit ERP Backends, IoT und auch Data Analytics sind Funktionalitäten, die man in BPM Suites nicht findet (und die man wohl auch kaum in diese Richtung ausbauen wird).

Wenn man eine Einordnung der BPM Suiten in das Gartner-Modell versucht, dann passen diese am besten in die Plattform «Ecosystems», welcher die Aufgabe zufällt, die verschiedenen Systeme unter dem Dach der DBP zusammenzubinden, und die Unternehmensprozesse digital verfügbar zu machen.

DBP: Mehr als nur ein neues Buzzword

Die Liste an Abkürzungen wie AI, DBP oder ITSM und neuen Begriffen scheint insbesondere im IT-Bereich ausufernd zu wachsen. Daher ist es sinnvoll und wichtig, neue Fachwörter wie Digital Business Platform zu hinterfragen, auch weil Buzzwords gern in verschiedenen Kontexten genutzt werden und sich über die Zeit deren Bedeutung wandelt (siehe «Digitalisierung»).

Wir halten den Begriff DBP für die heutigen BPM Suiten durchaus für berechtigt: die Hersteller von BPM-Plattformen haben ihre Suiten über die Zeit sukzessive ausgebaut, wodurch neue Einsatzbereiche entstanden, die Schlüsselfunktionen in der DBP-Landschaft nach Gartner darstellen.

Digitale Transformation jenseits der Begrifflichkeiten

Für die täglichen Herausforderungen in Unternehmen ist der Begriffsdiskurs nebensächlich. Es kommt eher darauf an, neben den hohen Anforderungen hinsichtlich des mit der digitalen Transformation einhergehenden Kulturwandels, der Unternehmensstrategie sowie der Wertschöpfung die richtigen Plattformen mit den passenden Funktionen für all diese Aufgaben zu finden.

In der Praxis wird die Digital Business Platform eines Unternehmens in der Regel durch die Kombination von bestehenden IT-Systemen und gegebenenfalls neuen Systemen gebildet. Eine Schlüsselfunktion ist darum sicherlich die Fähigkeit, vorhandene Systeme zu verbinden und durchgängige Prozesse abzubilden und zu automatisieren. Dafür braucht es die Funktionalitäten der neuen BPM Suiten (oder neu: Digital Business Platforms).

Auch wenn die Vorstellung verlockend klingt, wird ein einzelnes Software-Produkt nicht allen individuellen Anforderungen eines Unternehmens gerecht werden können. Der Kauf einer Software beziehungsweise einer Plattform kann zudem nicht das notwendige Wissen sowie Regeln und Daten ersetzen.

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